Wirtschafts- und Markt-Monitor
François Duhen, Chief Economist und Strategist CIC Market Solutions

Die weltweite Konjunkturerholung hält an und ist kräftig genug, um Ängste an den Märkten zu zerstreuen, aber auch nicht so stark, dass eine verfrühte Straffung der Geldpolitik zu befürchten wäre. Die Zentralbanken werden nicht müde zu betonen, dass sie auf kurze Sicht zurückhaltend agieren werden, da der zu erwartende Anstieg der Inflation nur temporär sei. Damit tragen sie dazu bei, die Renditen der Staatsanleihen niedrig zu halten. Manche Zentralbankiers bereiten die Öffentlichkeit jedoch langsam auf einen Strategiewechsel vor, wenn sie von der Notwendigkeit sprechen, einen schrittweisen Abbau der Liquiditäts¬maßnahmen zu diskutieren, wenn sich der Wirtschaftsaufschwung stabilisiert. Die Konjunkturerholung ist vor allem der rapide steigenden Impfquote und der Aufhebung der pandemiebedingten Einschränkungen zu verdanken, aber auch der Verlängerung der staatlichen Hilfsmaßnahmen.

In Europa entspannt sich die Pandemielage weiter, obwohl die Ausbreitung der aus Indien stammenden Virusvariante vor allem im Vereinigten Königreich für Beunruhigung sorgt. Vor allem diese Mutationen sind der Grund, warum in vielen Ländern weiterhin Reise-beschränkungen gelten, auch wenn die deutlichen Impffortschritte auf weitere Lockerungen im Frühsommer hoffen lassen. Bis zur völligen Eindämmung der Pandemie bleiben die Staaten entschlossen, die Wirtschaft solange wie nötig zu unterstützen - insbesondere durch Verabschiedung des 750 Milliarden Euro schweren europäischen Aufbauplans in den nationalen Parlamenten (dessen Gelder ab Juli ausgezahlt werden), aber auch durch die Aussetzung der europäischen Budgetregeln bis zum Jahr 2023, wie sie die Europäische Kommission bestätigt hat. Die Entscheidung fiel den EU-Staaten nicht allzu schwer, weil die Finanzierungsbedingungen in der Eurozone weiterhin äußerst günstig sind und die EZB überzeugend vermittelt, dass sie die Möglichkeit und Ausdauer hat, noch sehr lange zurückhaltend zu bleiben. Dies zeigt sich auch darin, dass es ihr gelungen ist, die Renditen von europäischen Staatsanleihen zu stabilisieren, während ihre Anleihenkäufe auf unverändert hohem Niveau bleiben. Gleichzeitig profitieren die Aktienmärkte von diesen niedrigen Zinsen und setzen ihre Hausse fort: Der Stoxx Europe 600 beispielsweise hat sich über der Marke von 450 Punkten konsolidiert.

Auch in den USA zeichnet sich eine Besserung der Pandemielage ab, die Impfkampagne schreitet voran, so dass die Bundesstaaten ihre Beschränkungen schrittweise lockern. Die wirtschaftliche Erholung hat jedoch noch nicht alle Bereiche erfasst, wie die enttäuschenden Arbeitsmarktzahlen vom April und Mai deutlich machen: Sie bestätigen, dass die US-Wirtschaft noch weit von einer Überhitzung entfernt ist, was wiederum Inflationsängste deutlich dämpft. Eine schnelle Straffung der geldpolitischen Zügel durch die Federal Reserve gilt also als weniger wahrscheinlich. Dies führte zu einem weiteren Rückgang der Renditen von US-Staatsanleihen wie auch zu einer relativ kräftigen Abwertung des US-Dollars gegenüber dem Euro (1 Euro = 1,22 Dollar). Zu erwähnen sind noch der anhaltende Streit zwischen Demokraten und Republikanern über ein Infrastrukturprogramm: Das neue Angebot der Republikaner im Umfang von 1 Billion USD wies Präsident Biden als unzureichend zurück. Um die Zustimmung der Republikaner zu seinem Programm zu gewinnen, signalisierte Biden mögliche Flexibilität bei der Frage der Anhebung der Unternehmenssteuern; ein erster Schritt in dieser Richtung erfolgte Anfang Juni, als sich die G7-Staaten auf einen Mindeststeuersatz von 15 % für multinationale Unternehmen einigten.

In den Ländern Südostasiens steigt die Angst vor einer neuen Covid-19-Welle; sie führt dazu, dass in vielen Regionen, darunter auch Japan, Taiwan und Singapur, erneut Einschränkungen verhängt wurden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. In Indien scheint sich die Lage dagegen etwas zu entspannen. Das Verhältnis zwischen Peking und Washington bleibt weiterhin angespannt, zumal US-Präsident Biden weitere chinesische Unternehmen auf die Sanktionsliste gesetzt hat. Der Chinesische Yuan kletterte auf seinen höchsten Stand seit drei Jahren; Grund dafür ist zum einen die Schwäche des US-Dollars, zum anderen die Erwartung, dass die chinesische Zentralbank ihre geldpolitische Unterstützung zurückfahren wird.

Zu den Rohstoffmärkten: Der Ölpreis (Brent) stieg zum ersten Mal seit 2019 über die Marke von 70 Dollar je Barrel. Gründe für den Anstieg sind die gestiegene Nachfrage im Vorfeld der Sommermonate, die ausbleibenden Fortschritte in den Gesprächen zwischen Iran und den USA über das iranische Atomprogramm sowie die Ankündigung der OPEC+-Gruppe bei ihrem letzten Gipfel, die Fördermengen später als erwartet auszuweiten. Der Aufwärtstrend der Preise für Industriemetalle ist in den vergangenen Wochen zum Erliegen gekommen, nachdem die chinesische Regierung Bestimmungen erließ, die der Spekulation entgegenwirken sollten, und gleichzeitig andeutete, dass sie ihre Importe angesichts der hohen Preise reduzieren könnte.

Redaktionsschluss: 9. Juni 2021